Spannende Tage mit Sonntag

Die Spatzendame als Fitneßtrainerin

Den sechsten Tag ist Sonntag nun hier in Günzkofen im Büro der Redaktion und sie fühlt sich mit jedem Tag wohler! Der kleine Sperling mit dem fest zum Körper angewinkelten linken Bein war gleich, als er hier ankam, ein Sorgenkind. Den Fuß wollte und wollte sie nicht bewegen, keine Greifbewegung der Zehen, keinen Millimeter Veränderung in der Haltung des gesamten Beines.

Bis vor zwei Tagen. Da nahm ich Sonntag wie zu jeder Fütterung aus ihrem zum Sperlingsnest umfunktionierten großen Plastikbehälter in die Hand, um ihr die Futterkanüle vorsichtig in den Schlund stecken zu können. Eine solche Umklammerung mag kein Vogel und jeder strampelt und windet sich nach Kräften, um dem Griff zu entkommen. Sonntag macht da keine Ausnahme, aber diesmal war es anders. Zum ersten Mal seit dem sie am letzten Sonntag (daher der Name) hier Einzug gehalten hatte, bemerkte ich, daß sie auch mit dem zweiten Fuß meine Finger umklammerte und versuchte, sich gegen meinen Griff zu stemmen. In diesem Augenblick ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen, denn ein Vogel mit nur einem funktionstüchtigen Bein ist nicht überlebensfähig. Es freut mich ungemein, daß die Spatzendame diese lebensbedrohliche Krise, für deren Auftreten es keinerlei Erklärung oder Anzeichen gegeben hatte, denn verletzt sind oder waren weder die Gelenke noch die Knochen. jetzt überwunden zu haben scheint. Ich bin da noch etwas vorsichtig mit meiner Beurteilung, aber alle Zeichen deuten derzeit darauf hin.

Ansonsten geht es Sonntag gut. Den Futterbrei verträgt sie ausgezeichnet. Freiwillig sperren mag der Sperling derzeit allerdings nicht mehr. Es muß also etwas nachgeholfen werden bei der Fütterung. Das Procedere gefällt ihr nicht wirklich und sie hat es auch schon wiederholt geschafft, sich aus der Hand zu befreien. So schnell kann man gar nicht schauen, wie Sonntag unter einem Tisch oder Schrank verschwindet. Flink und ebenso stumm wie eine Maus ist Sonntag dann auf der Flucht, es beginnt tatsächlich das Spiel von „Katze und Maus“. Ich muß die „halbe Portion Vogel“ ja schließlich wieder einfangen und in ihr „Nest“ zurückbringen. In einer Stunde ist wieder Fütterungszeit. Da wartet die aber nicht, bis ich ihr zum Greifen nahe komme. Sonntag nimmt da lieber schon vorab Reißaus. Dabei fliegt sie nicht. Ihre Flatterkünste sind dafür noch nicht ausreichend. Der Sperling huscht also mehr über den Boden. Beim ersten Mal war das ganz schön aufregend, bis alle Möbel von der Wand gerückt, der letzte Blumentopf umgegraben und sämtliche Computer auf den Kopf gestellt waren. Zum Vorschein gekommen ist Sonntag letztlich in einer von fünf aufeinander gestapelten Büroablagen, die auf dem Boden neben dem Schreibtisch standen. Sonntag hatte sich in die hinein und bis ganz nach hinten durchgewühlt.

Seinen weiteren Abenteuerdrang kann ich im Augenblick nur mit äußerster Vor- und Umsicht ausbremsen. Diese Eigenschaft macht es auch unmöglich, sie derzeit zu einem Foto zu überreden. Schade, ich hätte die Spatzendame gerne im Bild vorgestellt. Wird aber nachgeholt, denn eine Gelegenheit dafür wird’s sicher geben, da bin ich sehr zuversichtlich….