Zustandsbeschreibung der Lebensräume

Winterfütterung sollte seit jeher einen Ausgleich schaffen, für das, was in der Schnee- und Frostperiode fehlte: Nahrung. Um eine sinnvolle Antwort auf die Frage der Ganzjahresfütterung zu finden, macht es also Sinn, sich in der Natur außerhalb unserer Ortschaften einmal umzusehen, wie sich die Nahrungssituation für unsere Vogelwelt heute im Wandel der Jahreszeiten grundlegend darstellt.

Diese Betrachtung führe ich ganz subjektiv am Beispiel meines engeren Wohnumfeldes in Niederbayern durch, wohl wissend, daß es in anderen Gegenden Deutschlands anders aussehen kann. Die von mir aufgezeigten grundlegenden Voraussetzungen werden allerdings, davon bin ich überzeugt, überal in Deutschland so oder so ähnlich anzutreffen sein.

Ausgeräumte Flur und weitgehend Monokulturen
Ausgeräumte Flur und weitgehend Monokulturen

Frühling. Mitte März 2010. Schnee- und eisfreie Landschaft, grüne Felder, blühende Wiesen? Irrtum! Grüne Landschaften ja, es ist das Wintergetreide. Blüten auch, aber keine Wiesen, sondern Rapsfelder. Dort wo andere Kulturen angebaut werden sollen, braune, unbedeckte Ackerscholle. Feldraine sind in der ausgeräumten Kultursteppe, wenn überhaupt, dann nur als handschmale Streifen für Grenzmarkierungen zwischen den Anbauflächen erkenntlich. Nirgendwo krautartiger Bewuchs mit Fruchtständen auszumachen. Nun ist ja bekannt, daß manche Körnerfresser um diese Jahreszeit und bei frostfreien Witterungsverhältnissen auf Baum- und Strauchknopsen umstellen. Nur Feldhecken und einzelne Flurbäume sind nirgendwo in Sicht. Samenfresser haben es also schwer in diesen Zeiten; die meisten Insektenfresser sind noch nicht im Land.

kahlgespritzte Feldwege
Totgespritzte Feldwege und gemähte Böschungen

Sommer. Zwischen den einzelnen Feldern und entlang von Straßen und Feldwegen haben es tatsächlich Kräuter, Gräser und Wiesenblumen zu einem spärlichen Bewuchs geschafft. Es ist die Zeit der ersten Straßenpflegemaßnahmen. Um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten ist es erforderlich, zwischen den Straßenbegrenzungspfosten entlang der Teerpisten den Grasaufwuchs zu mähen. Das wird aber nicht nur dort gemacht, wo es aus Sicherheitsgründen Sinn macht, sondern auch dort, wo das ganze Jahr über höchstens einmal eine Erntemaschine unterwegs ist – entlang der Feldwege. Ja selbst entlang eines Waldsaumes mußte ich eine solche absurde Maßnahme schon feststellen. Und da wird nicht nur der Feldweg optisch verbreitert, sondern auch gleich die sich anschließende Böschung kahlrasiert. In manchen Gegenden geht das sogar soweit, daß Landfrauen mit dem Motor-Handmäher entlang der Felder unterwegs sind, um dort das spärliche Unkraut und die Wildblumen abzumähen. „Weil das gemäht schöner ausschaut“, wie ich mir habe erklären lassen.

Kommen Sie jetzt nicht auf die Idee zu denken, bei dieser Landfrau handle es sich um einen Einzelfall. Übrigens ist eine solche Haltung typisch Fortschritt, noch vor zwanzig Jahren hätte einem jede Bäuerin zu recht einen Vogel gezeigt, hätte man ihr erzählt, sie müßte zwecks besserer Optik die Ackersäume mähen. Heute aber ist man Landfrau, nicht mehr Bäuerin, und als solche hat sie natürlich Besseres verdient, nämlich golfplatzmäßiges Grün entlang der hofeigenen Anbauflächen.

Straßenbauämter zeigen was sie haben...
Straßenbauämter zeigen was sie haben…

Herbst: Die Zeit für schweres Gerät. Landkreise und Kommunen zeigen schon in den Spätsommerwochen, aber spätestens jetzt, was sie an schwerem Gerät  zur „Pflege“ des Straßenbegleitgrüns haben. Mobile Kettensägen und meterbreite hydraulisch gesteuerte Rasenmäher, mit denen sie Bäumen und Sträuchern, den Gräsern, Kräutern und Wiesenblumen zu Leibe rücken. Nichts kommt diesen monströsen Landschaftspflege-Maschinen aus und die Maschinenführer scheuen sich nicht, Boden, Hecken und Bäume in meterweitem Abstand vom Straßenbanklett mit ihren Maschinenauslegern kahl zu scheren. Fragt man nach dem Sinn dieser Maßnahmen kommt unweigerlich das Totschlagargument „Verkehrssicherheit“, allerdings auch dort, wo es sich um schnurgerade Straßenfluchten ohne jedwede Sichtbehinderung durch Bäume oder Sträucher handelt.

grasschnitt-auf-straßenböschungenSpätherbst. Vom Ackerrand bis heran an die Teerkante reicht der Rasenmäher-Ausleger dieser Mähmaschine im Dienste der Straßenbauämter. Abrasiert wird alles, was dem Mähwerk nicht stand- halten kann. Aus Sicht des Naturschützers besonders ärgerlich, daß auch die straßenabseits gelegenen Böschungen gemäht werden und so die letzten Reste von Nahrungspflanzen verschwinden. Als Begründung wird angeführt, daß Schnee auf kurzgeschorenem Gras mehr Halt hat und die Wahrscheinlichkeit seines Abrutschens in den Entwässerungsgraben damit um 10 bis 15 Prozent unwahrscheinlicher ist. Wenn Sie mich fragen, angesichts dieser minimalen Chancenverbesserung nicht nur ökologischer Irrsinn in Reinkultur sondern auch noch pure Verschwendung kommunaler Finanzen. Was bleibt, sind kahlrasierte Böschungen und Seitenstreifen bis knapp neben die Feldränder; kein samentragender Grashalm, kein Kraut oder eine samentragende Wildblume mehr. Selbst unter Sträuchern wird der letzte Halm rasiert. Die Nahrungsgrundlage für unsere Wildvögel in den Wintermonaten ist dahin…

In meiner „Flurschau“ sind ganz offenkundig mit die Hauptursachen für den Artenschwund in unseren Fluren aufgezeigt. Alle die aufgewendeten Mittel zur Erforschung des Artensterbens könnte man sich sparen, würden die Verantwortlichen mit offenen Augen und etwas weniger „fortschrittgläubig“ durch die Welt gehen. Etwas mehr menschliche Vernunft könnte Millionenausgaben für „Biodiversitätsprogramme“ überflüssig machen. So aber wird es nichts werden, mit dem Traum von Arterhalt und lebenswerter Umwelt!